Benzinpreisdeckel: Der große Strohmann
Gerade läuft wieder eine dieser politischen Debatten, bei denen man das Gefühl hat, alle Beteiligten haben sich stillschweigend darauf geeinigt, nicht über das Eigentliche zu reden. Das Thema: Benzinpreisdeckel. Die Idee, der Staat könne oder solle den Preis an der Zapfsäule deckeln, wird diskutiert, bewertet, bejubelt, abgelehnt — und dabei wird hartnäckig vermieden, die eine Frage zu stellen, die sich eigentlich zwingend aufdrängt.
**Wer ist hier eigentlich das Problem?**
Laut ADAC entfielen im Jahr 2025 rund 61 Prozent des Verbraucherpreises für Super E10 auf Steuern und Abgaben. [Statista](https://de.statista.com/statistik/daten/studie/802/umfrage/zusammensetzung-verbraucherpreis-fuer-superbenzin/) Bei einem Durchschnittspreis von 1,74 Euro pro Liter bedeutet das: über einen Euro pro Liter fließt direkt in staatliche Kassen. Nicht an die Mineralölkonzerne. Nicht in die Taschen von Scheich oder Spekulant. Zum Staat.
Konkret setzt sich das aus drei Komponenten zusammen: der Energiesteuer (65,45 Cent pro Liter Benzin, ein fixer Betrag, der schon die ehemalige Ökosteuer einschließt), der CO₂-Abgabe, und der Mehrwertsteuer — die obendrauf auf den bereits steuerbelasteten Preis erhoben wird. Energiesteuer, CO₂-Abgabe und Mehrwertsteuer summieren sich bei einem Liter Super E10 auf über 1,12 Euro. [Stuttgarter Zeitung](https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.benzinpreis-ohne-steuern-mhsd.c7e32b03-8b08-4bb5-b01f-b94f3debb1e0.html) Was bleibt, zahlt man für das eigentliche Produkt.
**Der Strohmann**
Ein Benzinpreisdeckel ist die klassische Strohmandiskussion: Man errichtet ein Bild vom bösen Markt, vom gierigen Konzern, vom spekulierenden Händler — und kann dann heldenhaft gegen dieses Bild ankämpfen. Was dabei nicht passiert: eine Debatte darüber, ob der Staat selbst das Problem ist.
Der Staat hat hier nämlich die denkbar komfortable Position inne. Er kassiert die Energiesteuer als fixen Betrag — unabhängig davon, ob das Barrel Rohöl 50 oder 130 Dollar kostet. Mehreinnahmen durch die Energiesteuer selbst lassen sich nicht generieren, weil sie ein fixer Betrag und keine prozentuale Abgabe ist. [Bußgeldrechner](https://www.bussgeldrechner.org/benzinpreisentwicklung.html) Die Mehrwertsteuer hingegen steigt brav mit dem Preis mit — bei steigendem Rohölpreis profitiert der Fiskus also automatisch. Ein schönes Geschäftsmodell.
**Eine Steuer lebt ewig**
Es gibt eine politische Grundwahrheit, die sich über Jahrzehnte und Systemwechsel hinweg als unerschütterlich erwiesen hat: Einmal eingeführte Steuern und Abgaben verschwinden nicht wieder. Die Schaumweinsteuer, 1902 zur Finanzierung der Kaiserlichen Marine eingeführt, existiert bis heute — obwohl die Marine, für die sie erhoben wurde, 1919 in Scapa Flow auf dem Grund des Meeres liegt. Selbstversenkt. Die Steuer blieb.
Das ist kein Zufall und keine Schlampigkeit. Das ist das natürliche Verhalten von Abgaben im politischen Ökosystem. Sie finden ihre Daseinsberechtigung, sie verteidigen ihr Territorium, und sie sterben nicht.
**Doppeltes Versagen**
Was mich bei dieser Debatte besonders ärgert, ist nicht allein der Strohmann. Es ist das doppelte Versagen der politischen Akteure.
Erstens: Man behandelt den Bürger als jemanden, der nicht bis drei zählen kann. Die Information, dass über 60 Prozent des Benzinpreises staatliche Abgaben sind, ist öffentlich, frei zugänglich, vom ADAC regelmäßig aufbereitet. Dennoch führt man eine Debatte über Preisdeckel so, als wäre der Mineralölkonzern der Schuldige — nicht der Gesetzgeber.
Zweitens: Der Steuer- und Abgabenanteil lag im Jahr 2025 im Schnitt bei rund 64 Prozent beim Benzin. [ADAC](https://www.adac.de/verkehr/tanken-kraftstoff-antrieb/tipps-zum-tanken/7-fragen-zum-benzinpreis/) Das ist im europäischen Vergleich Spitzenklasse — in die falsche Richtung. Wer ernsthaft Entlastung für Pendler, für Handwerker, für Familien auf dem Land will, die keine Alternative zum Auto haben, der müsste über Steuersenkung reden. Nicht über Preisdeckel, die das Grundproblem unangetastet lassen und nur die Symptomatik verwalten.
**Was bleibt**
Ein Benzinpreisdeckel, der den staatlichen Abgabenanteil nicht anfasst, ist ungefähr so wirksam wie ein Kühlschrank, der das Thermometer herunterschraubt, um die Raumtemperatur zu senken. Die Zahl ändert sich. Die Realität nicht.
Man kann darüber diskutieren, ob hohe Energiesteuern klima- oder lenkungspolitisch sinnvoll sind. Man kann dafür Argumente finden. Was man nicht kann, ohne die eigene Glaubwürdigkeit zu ramponieren: so tun, als sei der Preis an der Zapfsäule das Ergebnis von Marktversagen — während man selbst über 60 Cent pro Liter einzieht, bevor irgendjemand sonst auch nur einen Pfennig verdient hat.
Die Schaumweinsteuer grüßt herzlich. Die Kaiserliche Flotte liegt auf dem Grund des Hafens von Scapa Flow. Und die Energiesteuer bleibt.
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