Das Parkhaus, das nie kommt — Nürnberg-Röthenbach und eine Geschichte in vier Akten
Abriss. Versprechen. Schotter. Ein Interimsparkplatz. Wieder Schotter. Und 309 Millionen Euro für eine U-Bahn, die an Röthenbach vorbeiführt.
Akt I: Das Parkhaus fällt. Der Ersatz kommt. Versprochen.
Es war 2020, als das P+R-Parkhaus am U-Bahnhof Röthenbach abgerissen wurde. Gebäude altern, Strukturen werden obsolet — das ist normal. Was ebenfalls normal sein sollte: dass man, wenn man eine öffentliche Infrastruktur abreißt, die man der Bevölkerung zugesagt hat, einen Ersatz baut. Das wurde versprochen. Selbstverständlich. Was denn sonst.
Man stellte sich das so vor: Abriss, kurze Pause, Neubau. Drei, vier Jahre vielleicht. So läuft das in einer Großstadt, die auf sich hält.
Was folgte, war eine Schotterfläche. Jahrelang.
Akt II: Die Grünen entdecken die Fläche — und die Wahrheit bleibt auf der Strecke
Im Februar 2023 — das Parkhaus war da schon längst Vergangenheit, die Schotterfläche bereits seit Jahren Gegenwart — meldeten sich die Grünen Nürnberg zu Wort. Ihr Vorschlag: Wohnbebauung statt Parkhaus. Die Fläche sei ein potenzielles "Vorzeigeprojekt". Klingt visionär. Ist es aber nur, wenn man bereit ist, das Fundament des Arguments nicht zu hinterfragen.
Denn die Grünen begründeten ihren Antrag unter anderem damit, das Parkhaus sei ohnehin kaum von Pendlern aus dem Umland genutzt worden — aus Stein, Zirndorf, dem Landkreis Fürth oder Ansbach. Wofür es als P+R-Anlage eigentlich gedacht war, habe es praktisch nie gedient. Also: kein Verlust, keine Kompensation nötig.
Das ist eine Behauptung. Und sie ist falsch.
Wer das Parkhaus regelmäßig genutzt hat — und das haben viele — weiß, was dort auf den Parkdecks zu sehen war: FÜ-Kennzeichen, AN-Kennzeichen, Fahrzeuge aus dem gesamten südwestlichen Einzugsgebiet der U-Bahn-Endstation Röthenbach. Das ist kein Zufall, das ist P+R, wie es funktionieren soll. Pendler aus Zirndorf, Stein, dem Landkreis Ansbach, die ihr Auto abstellten und die U-Bahn Richtung Innenstadt nahmen. Genau das, wofür das Parkhaus gebaut worden war.
Die Behauptung, es habe "kaum" Pendler aus dem Umland gegeben, ist entweder nicht überprüft worden oder sie war von Anfang an das, was sie argumentativ leisten sollte: eine nachträgliche Rechtfertigung dafür, das Parkhaus nicht ersetzen zu müssen.
Besonders pikant: Im selben Antrag forderten die Grünen die Stadt auf, mit dem Betreiber des Röthenbacher Einkaufszentrums über eine P+R-Mitnutzung von dessen Parkhaus zu verhandeln. Wenn der P+R-Bedarf so gering war, dass das alte Parkhaus niemand vermisst — warum braucht es dann überhaupt eine P+R-Ersatzlösung? Die Antwort steckt im Widerspruch: Der Bedarf existiert. Man möchte ihm nur nicht mit einem Neubau begegnen.
Akt III: Mai 2025 — der Interimsparkplatz als Meisterwerk der Kommunikation
Fast fünf Jahre nach dem Abriss gab es im Mai 2025 eine Pressemitteilung der Stadt Nürnberg. Der Tenor: Das Gelände des ehemaligen P+R-Parkhauses wird ab dem 19. Mai 2025 als kostenpflichtiger Interimsparkplatz betrieben — von einem externen Betreiber, auf Schotter, ohne Dach, ohne Struktur.
Planungs- und Baureferent Daniel F. Ulrich erklärte dazu, ein Neubau des klassischen P+R-Parkhauses habe "aus wirtschaftlichen Gründen verworfen werden" müssen, da der "hohe Aufwand in keinem sinnvollen Verhältnis zum verkehrlichen Nutzen" stehe.
Man muss das kurz sacken lassen. Das Versprechen eines Ersatzbaus wurde 2020 gegeben. Dass es sich wirtschaftlich nicht rechnet, wäre — bei entsprechender Prüfung — auch 2020 oder 2021 feststellbar gewesen. Stattdessen ließ man die Fläche jahrelang brach liegen, bevor man offiziell mitteilte, dass das, was man versprochen hatte, nun doch nicht kommt.
Als zusätzliche Rechtfertigung für den Interimsparkplatz führte die Stadt übrigens an, durch Einzäunung und Bewirtschaftung solle "Vermüllung" reduziert werden. Man hat also fünf Jahre lang eine offene Schotterfläche produziert und präsentiert das Einzäunen jetzt als aktiven Beitrag zur Stadtpflege.
Das Wort "Interim" bedeutet: vorübergehend, bis etwas Besseres kommt. Was dann folgte, war ein neuer Akt, den selbst hartgesottene Pessimisten nicht auf dem Zettel hatten.
Akt IV: Der Interimsparkplatz schließt. Die Brache bleibt.
Der Interimsparkplatz war kurze Zeit geöffnet. Dann wurde er wieder geschlossen.
Das ist kein Tippfehler. Das ist der Stand der Dinge.
Die Stadt Nürnberg hat es also in den vergangenen Jahren fertiggebracht, ein Parkhaus abzureißen, einen Ersatzneubau zu versprechen, dieses Versprechen still zu beerdigen, eine Schotterfläche jahrelang sich selbst zu überlassen, per Pressemitteilung stolz einen Interimsparkplatz anzukündigen — und diesen Interimsparkplatz dann wieder zu schließen. Das Ergebnis ist, was es von Anfang an war: eine Brache.
Man könnte sagen, die Schleife hat sich geschlossen. Man könnte auch sagen, sie hat sich nie wirklich geöffnet.
Epilog: 309 Millionen Euro — und Röthenbach schaut zu
Im Februar 2026 beschloss der Nürnberger Stadtrat die nächsten Planungsschritte für eine Verlängerung der U2. Kosten laut aktueller Schätzung: rund 309 Millionen Euro. Baubeginn: offen. Finanzierung: wird noch geklärt. Fördermittel von Bund und Land: beantragt, aber nicht gesichert.
Man könnte meinen, eine solche Trasse würde zumindest an der bestehenden Endstation Röthenbach vorbeikommen — und vielleicht sogar einen Anlass bieten, die dortige Schotterfläche endlich zu einem sinnvollen P+R-Abschluss zu entwickeln. Dem ist nicht so.
Die neue Strecke zweigt bereits beim vorletzten Bahnhof ab — bei Hohe Marter. Von dort schwenkt sie nach Süden, führt unter dem Rhein-Main-Donau-Kanal hindurch und erschließt Eibach und Reichelsdorf. Der U-Bahnhof Röthenbach bleibt die Endstation der U2, wie er es immer war. Und die Schotterfläche daneben bleibt, was sie ist.
Das ist, bei nüchterner Betrachtung, eine bemerkenswerte Prioritätensetzung. Ein konkretes, seit Jahren offenes Problem an einer bestehenden Station — kein Geld, kein Plan, kein Zeitplan. Ein neues, 309 Millionen Euro schweres Infrastrukturprojekt, das an eben dieser Station vorbeiführt — Stadtratsbeschluss, Förderantrag, Pressemitteilung.
Ein neues U-Bahn-Projekt ist politisch glamourös. Ein Parkhaus-Ersatz ist es nicht. Das erklärt vermutlich mehr als jede weitere Analyse.
Einordnung: Ein bekanntes Muster, eine neue Qualität
Röthenbach reiht sich damit in eine Galerie kommunaler Zuverlässigkeit ein, die man aus der Region kennt. Die Zirndorfer Brücke, die jahrelang nicht gebaut wurde. Die Jahnturnhalle in Oberasbach. Und jetzt das Parkhaus in Röthenbach — wobei "Parkhaus" inzwischen ein rein historischer Begriff ist.
Das Muster ist immer gleich: Etwas wird abgebrochen mit dem Versprechen des Ersatzes. Dann passiert lange nichts. Das Versprechen wird mit wirtschaftlichen Argumenten offiziell beerdigt. Eine Interimslösung wird groß angekündigt und still wieder geschlossen. Und währenddessen plant man anderswo Großes — vorzugsweise dort, wo Förderbescheide winken und Pressemitteilungen gut klingen.
Das ist kein Versagen. Das ist ein System.
Fazit: Der Schotter hat gewonnen
Ein Parkhaus wird abgerissen. Versprechen werden gemacht. Fünf Jahre vergehen. Die Nutzung durch Pendler aus dem Umland wird nachträglich kleingeredet — obwohl FÜ- und AN-Kennzeichen auf den Parkdecks das Gegenteil belegten. Ein Interimsparkplatz wird per Pressemitteilung verkündet, kurz betrieben und wieder geschlossen. Die Brache bleibt. Und die neue U-Bahn führt am vorletzten Bahnhof ab — an Röthenbach vorbei, unter dem Kanal hindurch, Richtung Zukunft.
In einer anderen Stadt würde man das als Serie von Pannen bezeichnen. In Nürnberg nennt man es Stadtentwicklung.
Der Schotter wartet nicht mehr. Er hat sich eingerichtet. Die U-Bahn fährt an ihm vorbei.
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