Ende einer Ära: Zirndorf schmeißt die SPD raus — nach nur 80 Jahren



Man muss es einmal in aller Ruhe sacken lassen: Die SPD hat in Zirndorf den Bürgermeisterposten verloren. Den Posten, den sie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ununterbrochen besetzt hat. Seit 1945. Seitdem ist so einiges passiert — Wirtschaftswunder, Kalter Krieg, Wiedervereinigung, drei Währungsreformen, die Erfindung des Internets, der Aufstieg und Fall von MySpace, und der komplette Lebenszyklus von mindestens vier Generationen Zirndorfer Bürgerinnen und Bürger. Aber der Bürgermeistersessel im Rathaus? Der war sozialdemokratisch. Verlässlich. Unverrückbar. Wie der Christkindlesmarkt in Nürnberg, nur halt das ganze Jahr.

Und jetzt ist er weg.

Zugegeben: Acht Jahrzehnte Machtbesitz an der Rathausspitze einer fränkischen Kleinstadt klingen zunächst nach einer beachtlichen Leistung. Bis man sich fragt, ob das nicht eher ein Warnsignal hätte sein sollen. Acht Jahrzehnte ohne Unterbrechung. Man stelle sich vor, ein Unternehmen hätte 80 Jahre lang denselben Lieferanten — nicht weil er der Beste wäre, sondern weil man es halt immer so gemacht hat und die Ausschreibungsunterlagen irgendwo im Keller liegen. In der freien Wirtschaft nennt man so etwas eine Strukturschwäche. In der Kommunalpolitik nennt man es Kontinuität.

Besonders bemerkenswert: Die SPD ist nicht etwa knapp gescheitert. Sie ist nicht in der Stichwahl unglücklich ausgeschieden. Nein — sie hat den Einzug in die Stichwahl vollständig verpasst. Mit anderen Worten: Die Wählerinnen und Wähler in Zirndorf haben die Sozialdemokraten nicht mal ins Finale gelassen. Das ist in etwa so, als würde der 1. FC Nürnberg nicht nur den Aufstieg verpassen, sondern direkt in die Kreisliga B durchgereicht — und das vor heimischem Publikum. Mit 31,0 Prozent zog Marcus Spath von der Zirndorfer Bürgergemeinschaft in die Stichwahl ein, dicht gefolgt von Tom Hesselberger (CSU) mit 22,9 Prozent. Die SPD? Spielte in diesen Zahlen keine Rolle mehr.

Nun könnte man meinen, eine Partei, die so lange regiert, müsste doch irgendwann in einen gewissen Erschöpfungszustand geraten sein — nicht die Partei selbst, versteht sich, sondern die Geduld der Bevölkerung. Und so war es wohl auch. Der bisherige Erste Bürgermeister Thomas Zwingel von der SPD trat nach 20 Amtsjahren gar nicht erst wieder an. Zwanzig Jahre. Das ist keine Amtszeit mehr, das ist ein Lebensabschnitt. Und so übernahm die SPD die Bürde, nun ohne den langjährigen Amtsinhaber in den Wahlkampf zu ziehen — mit dem Ergebnis, das man kennt.

Man muss an dieser Stelle fairerweise einräumen: Es wäre übertrieben grausam, der Zirndorfer SPD persönlich die bundespolitische Entwicklung ihrer Mutterpartei zuzurechnen. Die Genossinnen und Genossen vor Ort können ja wenig dafür, was in Berlin passiert — in jener Stadt, die bekanntlich über ihre eigenen politischen Verhältnisse hinaus schon genug Schaden angerichtet hat. Und doch: Irgendwie hängt alles zusammen. Eine Partei, die bundesweit das Vertrauen der Arbeiterinnen und Arbeiter, der Facharbeiter, der kleinen Leute schon länger sukzessive verspielt hat, wird auch in Zirndorf irgendwann die Rechnung präsentiert bekommen. Die hat jetzt der Briefkasten im Rathaus bekommen.

In der Stichwahl am 22. März entscheidet sich nun, wer das Erbe antritt. Zur Wahl stehen die Zirndorfer Bürgergemeinschaft und die CSU. Also: Entweder lokale Bürgerinitiative oder die große fränkische Volkspartei — beide ohne Fußfessel an einen 80 Jahre alten Stallgeruch. Für Zirndorf ist das zumindest eine Chance auf etwas, das man in der Kommunalpolitik gelegentlich braucht: frische Luft.

Acht Jahrzehnte sind eine lange Zeit. Aber irgendwann, hat die Geschichte immer wieder bewiesen, müssen sogar die sichersten Sessel mal abgestaubt werden. Die Wählerinnen und Wähler in Zirndorf haben den Staubsauger angeworfen. Man darf gespannt sein, was darunter zum Vorschein kommt.

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