Haltungsjournalismus: Eine Liebeserklärung
*(Der Titel ist ironisch. Falls das nicht klar war – herzlich willkommen in der Zielgruppe.)*
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Wie schön ist es doch, morgens die Zeitung aufzuschlagen – oder die entsprechende App zu öffnen, denn Papier ist ja auch irgendwie Haltung – und zu wissen, was man denken soll. Kein mühsames Abwägen, kein lästiges Vergleichen von Quellen, kein anstrengendes Selberdenken. Einfach konsumieren. Der Journalist hat bereits gefühlt, und dieses Gefühl teilt er nun großzügig mit der Welt. Das nennt sich dann: Einordnung.
Früher, in finsteren Zeiten, gab es da draußen einen Mann namens Hanns Joachim Friedrichs. Der hatte so eine altmodische Vorstellung vom Journalismus. Er meinte tatsächlich – man höre und staune –, ein Journalist solle sich **mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten.** Was für ein reaktionärer Unsinn! Was für eine gefährliche Idee! Distanz? Neutralität? Bloßes Berichten? Das klingt ja fast nach Respekt gegenüber dem Leser.
> *„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, für die er schreibt, auch nicht mit einer guten Sache."*
> — Hanns Joachim Friedrichs (1927–1995), offensichtlich aus der Zeit gefallen
Heute wissen wir es besser. Heute hat der Journalist eine **Haltung**. Er hat sie sorgfältig ausgesucht, sie sitzt tadellos, und er trägt sie zu jeder Gelegenheit – ob die Nachricht nun passt oder nicht. Das Schöne daran: Man muss gar nichts mehr recherchieren. Man muss nur wissen, welche Seite die richtige ist, und dann alles durch diesen Filter pressen. Die Wirklichkeit ist formbar, wenn man fest genug an die eigene Haltung glaubt.
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Besonders rührend ist der **Lokaljournalismus.** Dort, wo der Reporter den Bürgermeister duzt, im selben Verein ist, auf denselben Festen tanzt und dann über selbigen Bürgermeister berichtet – natürlich völlig unvoreingenommen. Lokalredaktionen sind Brutstätten einer ganz eigenen Gattung des Haltungsjournalismus: dem Stallgeruch-Journalismus. Man riecht, wer dazugehört. Und wer nicht dazugehört, der kommt auch nicht vor. Oder wenn, dann so.
Eigene Erfahrungen mit diesem Milieu lehren mehr als jede Medienwissenschaft. Man lernt: Was nicht in die Erzählung passt, wird weggelassen. Was passt, wird aufgeblasen. Und wer nachfragt, gilt als schwierig. Der Leser soll konsumieren, nicht hinterfragen. Das wäre ja noch schöner.
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> **„Denken heißt vergleichen."**
> *— Walther Rathenau, der offenbar nicht vorhatte, Redakteur zu werden*
Rathenau hat das mal so formuliert. Vergleichen. Was für ein subversiver Akt im Zeitalter des Haltungsjournalismus. Wenn man nämlich anfängt zu vergleichen – verschiedene Quellen, verschiedene Perspektiven, verschiedene Interpretationen desselben Ereignisses –, dann passiert etwas Schreckliches: Man beginnt, sich eine eigene Meinung zu bilden. Und das kann die Branche natürlich nicht gebrauchen. Wozu bräuchte man dann noch die Einordnung?
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Dabei ist die gute Nachricht – und das sei hier mit echter Herzlichkeit vermerkt –, dass wir in einer Zeit leben, in der man sich tatsächlich **selbst informieren** kann. Mehrere Quellen. Verschiedene Länder. Originaldokumente. Primärquellen. Das Internet, trotz allem, macht es möglich, an den Türstehern der öffentlichen Meinung vorbeizuspazieren. Man kann lesen, vergleichen, zweifeln, verwerfen, neu lesen. Man kann sich seine Schlüsse **selbst ziehen.**
Welch ein Luxus. Welch eine Befreiung. Kein Vertrauen mehr nötig in Leute, denen man keines entgegenbringen kann – und das nicht ohne Grund. Das stille Lachen ins Fäustchen, wenn man wieder einmal eine „Einordnung" liest und daneben die Quellen kennt, die dabei ignoriert wurden: Es hat etwas Befreiendes. Fast Therapeutisches.
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Und so kommen wir zum versöhnlichen Ausblick. Es heißt, die Künstliche Intelligenz werde den Journalismus revolutionieren. Manche fürchten das. Ich – und ich sage das mit der wärmsten Anteilnahme – finde es **ausgesprochen tröstlich.**
Denn wenn Algorithmen irgendwann die Pressemitteilungen der Ministerien schneller zusammenfassen können als ein Redakteur mit Haltung, wenn Maschinen effizienter das Naheliegende formulieren, ohne dabei gleich eine Weltanschauung mitzuliefern – nun, dann werden viele Menschen, die sich heute Journalisten nennen, endlich die Gelegenheit erhalten, ihre wahre Berufung zu entdecken.
🚕 **Und ein Taxi fährt sich, wie ich höre, ganz ohne Haltung wunderbar.**
Die Fahrgäste bezahlen für die Strecke, nicht für die Weltanschauung. Das Ziel wird nüchtern angefahren. Kein Einordnungsbedarf. Keine Haltung notwendig. Einfach: von A nach B. Das ist, wenn man so will, der reinste Journalismus, den der Markt noch zu bieten haben wird.
Friedrichs hätte das vermutlich gemocht.
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*Dieser Text ist Satire. Wer ihn als Angriff auf seriösen Journalismus liest, hat den Unterschied bereits verstanden. Alle anderen mögen bitte ihre Haltung ablegen, bevor sie weiterlesen.*
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