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Haltungsjournalismus: Eine Liebeserklärung

*(Der Titel ist ironisch. Falls das nicht klar war – herzlich willkommen in der Zielgruppe.)* --- Wie schön ist es doch, morgens die Zeitung aufzuschlagen – oder die entsprechende App zu öffnen, denn Papier ist ja auch irgendwie Haltung – und zu wissen, was man denken soll. Kein mühsames Abwägen, kein lästiges Vergleichen von Quellen, kein anstrengendes Selberdenken. Einfach konsumieren. Der Journalist hat bereits gefühlt, und dieses Gefühl teilt er nun großzügig mit der Welt. Das nennt sich dann: Einordnung. Früher, in finsteren Zeiten, gab es da draußen einen Mann namens Hanns Joachim Friedrichs. Der hatte so eine altmodische Vorstellung vom Journalismus. Er meinte tatsächlich – man höre und staune –, ein Journalist solle sich **mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten.** Was für ein reaktionärer Unsinn! Was für eine gefährliche Idee! Distanz? Neutralität? Bloßes Berichten? Das klingt ja fast nach Respekt gegenüber dem Leser. > *„Einen guten Journalisten erkennt ...

Die vergessene Autobahn: Die unvollendete Strecke 46 in Hessen und Franken

Zwischen den sanften Hügeln Hessens und Frankens schlummert ein faszinierendes Stück unvollendeter Geschichte: die sogenannte "Strecke 46". Was als ambitioniertes Autobahnprojekt in den 1930er Jahren begann, wurde nie vollendet und zeugt heute als eindrucksvolle Ruinenlandschaft von den großen Plänen und den abrupten Zäsuren des 20. Jahrhunderts. Die Strecke 46 sollte einst eine wichtige Verbindung zwischen Bad Hersfeld (heutige A4) über das Kirchheimer Dreieck und Fulda bis nach Würzburg-Kist bilden. Parallel zur heutigen A7 geplant, zeugen noch heute zahlreiche unvollendete Brückenpfeiler, Dämme und sogar kurze Teilstücke der Fahrbahn von diesem ambitionierten Vorhaben. Der Baubeginn erfolgte im Jahr 1937, doch mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1939 wurden die Arbeiten abrupt eingestellt. Arbeitskräfte und Material wurden für kriegswichtigere Projekte abgezogen, und so blieb die Strecke unvollendet. Nach dem Krieg wurden die ursprünglichen Pläne verworfen. Sta...

4711: Mehr als nur ein Duft – Eine Reise durch die Jahrhunderte

Wer an Köln denkt, dem kommt unweigerlich ein Name in den Sinn: 4711. Dieses legendäre Eau de Cologne ist weit mehr als nur ein erfrischender Duft; es ist ein Stück Kölner Geschichte, ein Sinnbild für Tradition und ein zeitloser Klassiker, der Generationen überdauert hat. Tauchen wir ein in die faszinierende Geschichte dieses ikonischen Duftwassers. Die Geburtsstunde in der Glockengasse: Die Wurzeln von 4711 reichen zurück ins 18. Jahrhundert. Im Jahr 1792 erhielt der Kaufmann Wilhelm Mülhens von einem Kartäusermönch zur Hochzeit eine geheimnisvolle Rezeptur für ein "Aqua Mirabilis" – ein Wunderwasser – geschenkt. Mülhens erkannte das Potenzial dieser Komposition aus verschiedenen Blüten und Kräutern und begann, sie in kleinem Rahmen herzustellen und zu verkaufen. Sein Geschäft befand sich in der Glockengasse in Köln. Im Jahr 1796, während der französischen Besatzung, erhielten die Häuser in Köln Hausnummern. Mülhens' Haus trug die Nummer 4711 – ein Name, der fortan untre...

Giganten des Feuers: Ein Vergleich der Ausbrüche von Tambora und Krakatau

Vulkanausbrüche sind Naturspektakel von unvorstellbarer Kraft. Zwei der verheerendsten in der aufgezeichneten Geschichte waren die Ausbrüche des Tambora im Jahr 1815 und des Krakatau im Jahr 1883. Obwohl beide Ereignisse immense Zerstörung anrichteten und globale Auswirkungen hatten, unterschieden sie sich in einigen wesentlichen Aspekten. Tauchen wir ein in die Details dieser titanischen Ereignisse. Die Giganten im Profil:  * Tambora (Indonesien), 1815: Dieser Ausbruch gilt als der stärkste Vulkanausbruch der jüngeren Geschichte. Der Berg selbst verlor durch die Eruption etwa 1300 Meter an Höhe und hinterließ eine riesige Caldera mit einem Durchmesser von sechs Kilometern.  * Krakatau (Indonesien), 1883: Obwohl in seiner reinen Sprengkraft etwas geringer als Tambora, war der Ausbruch des Krakatau dennoch extrem heftig und berühmt für seine ohrenbetäubenden Explosionen, die Tausende von Kilometern weit zu hören waren. Die Insel Krakatau wurde dabei fast vollständig zerstört. E...

Wenn Sekunden entscheiden: Warum der BOS-Funk das 5G-Upgrade braucht

In meinem letzten Beitrag habe ich über meine „nie erwiderte Liebe zur Eisenbahn“ und den Wechsel von GSM-R zu FRMCS geschrieben.  Doch es gibt einen weiteren Sektor, in dem die technologische Uhr tickt – und hier geht es nicht „nur“ um Pünktlichkeit und Wettbewerb, sondern im Zweifelsfall um Menschenleben: den BOS-Funk (Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben). Wer heute bei der Feuerwehr, dem Rettungsdienst oder der Polizei arbeitet, nutzt den Digitalfunk auf Basis des TETRA-Standards. Als dieser eingeführt wurde, war er ein Quantensprung gegenüber dem alten Analogfunk. Aber heute stehen wir vor demselben Problem wie bei der Bahn: Wir nutzen eine Schmalband-Technologie (vergleichbar mit 2G), während die Einsatzrealität längst im Breitband-Zeitalter angekommen ist. Das Problem: Sprache allein reicht nicht mehr TETRA ist hervorragend für die reine Sprachkommunikation und kurze Statusmeldungen. Es ist extrem ausfallsicher und gehärtet. Doch die Anforderungen moderner Leb...

Die Schiene der Zukunft: Warum ich das Upgrade auf FRMCS kaum erwarten kann

Man sagt, die erste große Liebe vergisst man nie. Bei mir war es eine Liebe aus Stahl, Schotter und dem Geruch von Bremsstaub. Ich habe selbst im Eisenbahnsektor gearbeitet – eine Zeit, die ich heute rückblickend gerne als meine „nie erwiderte Liebe zur Eisenbahn“ bezeichne. Ich war genau dann dabei, als wir einen riesigen technologischen Sprung wagten: Den Wechsel vom alten, analogen Zugfunk hin zu GSM-R. Damals fühlte sich die Einführung der 2G-Technologie auf den Schienen wie der Einzug der Moderne an. Aber seien wir ehrlich: In der Welt der digitalen Kommunikation ist 2G heute ein Fossil. Während wir privat über 5G-Netze 4K-Videos streamen, verlässt sich das Rückgrat unserer Mobilität auf Technik aus der Ära der Knochen-Handys. Der Flaschenhals: Warum 2G nicht mehr reicht GSM-R hat uns treue Dienste geleistet, aber die Kapazitätsgrenzen sind nicht nur erreicht, sie sind gesprengt. Wenn wir über die Zukunft der Bahn sprechen, sprechen wir über Taktverdichtung, Automatisierung und Ef...

Die New-Madrid-Verwerfungszone: Eine tickende Zeitbombe im Herzen Amerikas?

Die meisten Menschen denken bei Erdbeben sofort an die Westküste der Vereinigten Staaten. Doch tief im Herzen des Landes, unter den sanften Hügeln und weiten Ebenen des Mittleren Westens, lauert eine geologische Formation, die in der Vergangenheit verheerende Beben ausgelöst hat und deren Zukunft weiterhin Unsicherheit birgt: die New-Madrid-Verwerfungszone. Benannt nach der Stadt New Madrid in Missouri, erstreckt sich dieses Netzwerk von Verwerfungen über rund 240 Kilometer und durchquert Teile von acht Bundesstaaten: Missouri, Illinois, Kentucky, Tennessee, Arkansas, Mississippi, Indiana und Oklahoma. Im Winter 1811-1812 erlebte diese Region eine Serie von gewaltigen Erdbeben – die stärksten, die jemals in der aufgezeichneten Geschichte der Vereinigten Staaten östlich der Rocky Mountains aufgetreten sind. Schätzungen zufolge erreichten diese Beben Magnituden von bis zu 7,7 und veränderten die Landschaft dramatisch. Der Mississippi floss zeitweise rückwärts, neue Seen entstanden und we...